Insight FLDS
(Radikale Mormonen)

Die seltsame Welt der polygamen Mormonensekte
Text: Gunther Müller /Profil
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Die Männer haben mehrere Ehefrauen gleichzeitig; ihre Familien leben abgeschottet in einer US-Wüstenstadt und verherrlichen einen Kriminellen als Propheten: eine Reîse nach HIldale/Colorado City, dem Zentrum der amerikanischen Vielweiberei.
Sie nennen sich Fundamentalistische Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (FLDS) und leben in einem abgeschiedenen Dorf, am Rande der Illegalität. Sie wurden bereits vor über 100 Jahren von der mormonischen Hauptkirche verstoßen, haben landesweit knapp 10.000 Anhänger und bilden damit die größte polygame Gemeinde der westlichen Welt.
Wer die fundamentalistische Mormonensekte FLDS besuchen möchte, muss sich zum menschenleeren Arizona Strip aufmachen, einem Landstrich, der an der Grenze der Bundesstaaten Arizona und Utah liegt und bis heute zu den am dünnsten besiedelten Gegenden der USA gehört. Im Süden trennt der Grand Canyon den Nordwesten Arizonas vom Rest des Bundesstaats ab, im Norden liegen Utahs Canaan Mountains. Genau dazwischen liegt jene Einöde, in der die frommen Polygamisten Anfang des 20. Jahrhunderts die Doppelsiedlung Colorado City/Hildale errichteten.

Von Utahs Hauptstadt Salt Lake City bis hinunter ins Grenzgebiet zu Arizona fährt man mit dem Auto knappe sechs Stunden. Das seltsam leer gefegte Zwillingsstädtchen hat insgesamt rund 7000 Einwohner. Auf den weitläufigen, staubigen Straßen sieht man nur Kinder spielen. Im US-Zensus für das Jahr 2010 wurde Colorado City als “jüngste Stadt“ der USA ermittelt – mit einem mittleren Alter von 12,6 Jahren (der gesamtamerikanische Altersdurchschnitt beträgt 36,9 Jahre). Die meisten Grundstücke sind durch zwei Meter hohe Zäune abgeschirmt.
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Die wenigen Männer, die man in der Öffentlichkeit sieht, tragen weiße Hemden unter weiten, schwarzen Anzügen, die Frauen lange, pastellfarbene Baumwollkleider, ihre Haare zur Tolle hochgesteckt. Die Bewohner von Colorado City/Hildale sehen aus wie aus einer anderen Zeit, als kämen sie gerade vom Set der TV-Serie “Unsere kleine Farm“. Doch bei der FLDS folgt das Äußere nicht kuriosen Modetrends, sondern strikten Vorschriften.

Auf Fragen nach ihrem Lebensstil will niemand antworten. Die Männer schweigen, die Frauen drehen sich um und laufen ängstlich davon. Aus gutem Grund: Wer mit Fremden spricht, dem drohen Sanktionen, im schlimmsten Fall sogar die Exkommunikation.
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“Sie haben uns immer gesagt, dass Außenstehende vom Teufel gesandt sind. Jeder wird überwacht und unter Druck gesetzt“, erzählt Lydia, 23 Jahre alt, bis vor wenigen Monaten ein Mitglied der FLDS-Kirche im Arizona Strip. Vorübergehend lebt Lydia in Utahs Hauptstadt Salt Lake City, demnächst will sie in einen Bundesstaat an der Ostküste ziehen und versuchen, dort ein neues Leben zu beginnen.

Wie alle fundamentalistischen Mormonen wuchs Lydia unter den strengen Verhaltens- und Glaubenskodizes der Gemeinde auf. Ihr Vater, ein Elektrotechniker, hatte neben Lydias Mutter noch zwei weitere Ehefrauen. “Ich musste mein Zimmer mit vier Schwestern und sechs Brüdern teilen und durfte nie Fragen über meine, Sister Mums‘ stellen“, erzählt sie. “Von Kindheit an dreht sich alles nur um den Glauben. Als Frau musst du dich immer nur unterordnen.“
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In der lokalen FLDS-Schule ging es fast ausschließlich darum, das “Buch Mormon“ zu lesen und auf das spätere Leben als fromme Mütter und Ehefrauen vorbereitet zu werden. Freunde oder Männer zu treffen war strengstens verboten. Alle Aufmerksamkeit wird bei der FLDS der eigenen Familie geschenkt: Jede Frau sorgt für ihre Kinder. Darüber hinaus suchen sich die Frauen je nach Vorliebe und Fähigkeiten einen Bereich, in dem sie das Sagen haben. “Die eine kocht, die andere kümmert sich um den häuslichen Schulunterricht, die dritte um die Gartenarbeit. Das soll Eifersüchteleien unter den Ehefrauen vermeiden“, sagt Lydia.
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“Ich selbst kannte meinen Ehemann nur sehr flüchtig und musste ihn heiraten, weil es der Prophet so wollte“, erzählt Lydia. “Neben mir hatte mein Mann noch zwei weitere Ehefrauen, die ich abends oft massieren musste.“ Offiziell ist Polygamie zwar verboten, in der kleinen abgeschotteten Gemeinde ließ man die FLDS allerdings jahrzehntelang nach eigenem Gutdünken leben. Unausgesprochene Bedingung: Sie mussten unter sich bleiben. Nur ein einziges Mal, im Jahr 1953, ging die Polizei gegen die Polygamisten vor. Damals wurden 122 von ihnen verhaftet und 263 Kinder bei Pflegefamilien untergebracht. Doch die Bilder schreiender Kinder, die den Müttern von Polizisten aus den Armen gezerrt wurden, lösten unerwartet eine Sympathiewelle für die FLDS aus – die Behörden gerieten unter Druck. Am Ende wurden alle Kinder an ihre Familien zurückgegeben und die Verurteilten auf freien Fuß gesetzt.
Mit der öffentlichen Sympathie war es 2002 allerdings vorbei, als Warren Jeffs zum neuen Propheten der FLDS aufstieg. Jeffs übernahm die FLDS-Führung von seinem verstorbenen Vater Rulon und errichtete ein Regime, dem von Aussteigern “Gestapo“- und “Taliban“-Methoden nachgesagt werden. Doris Hanson von “Shield and Refuge Ministry” einer NGO, die FLDS Aussteiger unterstützt meint: “Hildale /Colorado City ist wie ein kleiner faschistischer Staat. Nicht nur die Bevölkerung, auch die lokale Polizei gehört zur FLDS und untersteht dem Propheten Warren Jeffs”
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So wie die Hauptkirche LDS haben auch die fundamentalistischen Mormonen immer einen lebenden Propheten. Schlimmer als mit Warren Jeffs hätte es für die FLDS-Mitglieder – Männer wie Frauen – aber kaum kommen können. Kurz nach seiner Machtübernahme verbot der heute 55-Jährige Zeitungen, CDs, Filme, Bücher sowie private Telefonanschlüsse. Er ließ Bücher verbrennen, Haustiere erschießen und schickte seine Privattruppen unangemeldet in die Häuser der Gläubigen, um zu überprüfen, ob seine Gebote auch eingehalten wurden. “Colorado City/Hildale funktioniert wie ein kleiner faschistischer Staat. Nicht nur die Bevölkerung, auch die lokale Polizei gehört zur FLDS und untersteht dem strengen Kommando des Propheten Warren Jeffs“, sagt Doris Hanson von “Shield and Refuge Ministry“, einer NGO, die FLDS-Aussteiger unterstützt. Die Radikalisierung der Sekte unter der Führung von Jeffs ließ die Behörden von Utah schließlich doch aktiv werden. Sie froren zunächst die Finanzen des Propheten ein: Seine Gesellschaft, der United Efforts Plan, auf die sämtliche Immobilien und Finanzen der FLDS liefen, wurde von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt. Doch Jeffs wusste sich zu wehren: Er errichtete im Jahr 2003 eine zweite FLDS-Gemeinde in einer texanischen Kleinstadt namens Eldorado und ließ dorthin 500 seiner Gefolgsleute übersiedeln.
Ins Blickfeld einer breiten Öffentlichkeit geriet Jeffs aber erst durch die von ihm arrangierten Hochzeiten: Nur der Prophet sollte bestimmen dürfen, welche Gemeindemitglieder mit wem vermählt werden. “Ich selbst kannte meinen Ehemann nur sehr flüchtig und musste ihn heiraten, weil es der Prophet so wollte“, erzählt Lydia. “Neben mir hatte mein Mann noch zwei weitere Ehefrauen, die ich abends oft massieren musste.“ Lydia war zum Zeitpunkt ihrer Eheschließung 20 Jahre alt. Andere FLDS-Mitglieder – dafür gibt es Dutzende Zeugenaussagen und Tonbandbeweise – sind hingegen oft noch minderjährig, wenn sie mit älteren Männern zwangsverheiratet werden. “Wenn es der Prophet anordnet, kann man jungen Männern die Ehefrauen wegnehmen und sie an ältere Mitglieder weitergeben“, empört sich Lydia. “Die Frauen bei der FLDS sind nur Waren.“ Hunderte FLDS-Mitglieder, die sich gegen die Praxis auflehnten, wurden exkommuniziert, Jeffs verbat ihnen jegliche Kontaktaufnahme mit den Familien. Als “lost boys“ – so werden exkommunizierte FLDS-Männer genannt – wandten sich manche an Medien und Polizei. Im Jahr 2006 wurde Warren Jeffs auf die Liste der meistgesuchten Verbrecher des FBI gesetzt und wenige Monate später bei einer routinemäßigen Verkehrskontrolle verhaftet. Schließlich wurde er nach Texas ausgeliefert und dort im August 2011 wegen sexuellen Missbrauchs an zwei Minderjährigen zu lebenslanger Haft verurteilt.
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Das Schreckensregime scheint trotzdem noch nicht beendet: Es spricht einiges dafür, dass er seine Herrschaft vom Gefängnis aus über seinen Bruder Lyle Jeffs weiter ausübt, berichten Lokalzeitungen aus Arizona unter Berufung auf ehemalige FLDS-Mitglieder. Und auch die Aussteigerin Lydia ist überzeugt: “Die Leute sind ihm verfallen und sehen Warren Jeffs nach wie vor als ihren Propheten an – das wird sich erst ändern, wenn er tot ist.“

Nur wenige Monate nach ihrer Heirat mit einem um 16 Jahre älteren Mann, der sie ständig bedrohte, packte Lydia ihre Sachen und verließ die Gemeinde. Nur telefonisch hat sie derzeit Kontakt mit ihren Eltern und Geschwistern, mit Besuchen will sie noch einige Zeit warten. “Ich bin so froh, dass ich diesen Schritt gewagt habe. Wenn das Leben außerhalb der Gemeinde die Hölle sein soll, wie man mir eingetrichtert hat, dann will ich für immer in der Hölle bleiben. Ich wünschte nur, dass sich meine ganze Familie aus den Fängen der FLDS befreit.“
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Verständlich, dass sich die Hauptkirche LDS mit Sitz in Salt Lake City von ihrer fundamentalistischen Splittergruppe zu distanzieren versucht. Im Stadtzentrum steht die vier Hektar große Tempelanlage, gleich daneben das Joseph-Smith-Museum, in dem Freiwillige gern Auskunft über das Leben des Religionsgründers geben. Über die polygame Vergangenheit seiner Kirchengemeinde und des Propheten Smith selbst spricht Brother Westoven, ein freundlicher pensionierter Raumfahrttechniker, hingegen nur sehr ungern. “Sie müssen wissen: Zu Zeiten von Joseph Smith war Polygamie überlebenswichtig für den Fortbestand der Gemeinde“, erklärt er. “Wir haben das längst hinter uns gelassen. Glauben Sie mir: Vielweiberei ist einfach nur pervers und widerwärtig, die polygamen Mormonen von heute sind gar keine richtigen Mormonen.“ Das stimmt freilich nur zum Teil. Die fundamentalistischen Mormonen wurden von der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage verbannt, als die frommen Siedler in Utah 1890 auf Druck der US-Regierung einwilligten, Polygamie aufzugeben. Das allerdings hatte rein pragmatische und keineswegs moralische Gründe.
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Im Gegenzug für die Abkehr von der Vielehe nahm die Regierung in Washington Utah als Bundesstaat auf. Mormonen wurden fortan im US-Senat zugelassen. Ein orthodoxer Teil der Kirche konnte die Abkehr von der Lehre von Joseph Smith nicht akzeptieren. In ihren Augen hatten die Mormonen eine der entscheidendsten theologischen Grundlagen der mormonischen Lehre – eine von Smith als “himmlisch“ gepriesene Doktrin – aus politischem Kalkül verraten. Smith ging seinen Anhängern übrigens mit gutem Beispiel voran und hatte über 30 Ehefrauen. Brigham Young, der zweite mormonische Prophet nach Smiths Tod, brachte es sogar auf 56 Ehefrauen. Warren Jeffs, der verurteilte FLDS-Chef, hält an der Tradition fest. Er soll mit über 40 Frauen verheiratet sein und mit ihnen 60 Kinder gezeugt haben. Als “abscheulich“ bezeichnet der Präsidentschaftskandidat Mitt Romney die mormonische Tradition der Vielehe. In seiner Familiengeschichte ist sie ihm jedoch näher, als ihm lieb sein kann. Sein Urgroßvater, Miles Park Romney, ein enger Gefolgsmann von Joseph Smith, der in dessen Auftrag eine Gemeinde in Mexiko gründete, war noch ein glühender Polygamist. Er ehelichte immerhin fünf Frauen und hatte 30 Kinder, wie Michael Kranish und Scott Helman für ihre Mitt-Romney-Biografie “The Real Romney“ recherchierten. Selbst der Vater von Obamas Herausforderer, George Romney, wurde noch in einer Polygamisten-Kommune geboren. Mitt Romney hat wegen der sexuellen Umtriebigkeit seines Urgroßvaters entsprechend viele Verwandte in Mexiko. Doch obwohl die Familie einer der unangefochtenen Werte der amerikanischen Gesellschaft ist, will der Präsidentschaftskandidat seine Sippe lieber nicht besuchen. Der Stammbaum hat definitiv einige Äste zu viel.
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